Das Österreichische Institut für Familienforschung führte die erste Repräsentativuntersuchung über die verschiedenen Ausprägungen und über das tatsächliche Ausmaß der in der Familie sowie im nahen sozialen Umfeld vorfindbaren Gewalt durch.

      Insgesamt wurden 1.292 Frauen und 1.042 Männer im Alter zwischen sechzehn und sechzig Jahren befragt (vgl. ÖIF 2011, 31). Die Auswertungen zeigen, dass nur eine kleine Gruppe der befragten Frauen (7,4 Prozent) und Männer (14,7 Prozent) noch nie einen Übergriff in seinen unterschiedlichen Ausprägungen erlebt hat (vgl. ebd. 8).

      Die Studienergebnisse zeigen klar auf, dass für viele Frauen das zu Hause der gefährlichste Ort ist, denn dort sind Frauen am häufigsten körperlichen bzw. sexuellen Gewalthandlungen ausgesetzt. Frauen, die von Gewalt betroffen sind, erleben oft eine starke Viktimisierung sowie Kombinationen von Gewalthandlungen.


      Psychische Gewalt

      Die häufigsten Übergriffe erlitten die Befragten in Form von psychischer Gewalt, von der 85,6 Prozent der Frauen und 78,4 Prozent der Männer betroffen waren (vgl. ebd. 82). Bei beiden Geschlechtern ist der häufigste Kontext, in dem diese stattfindet, die Ausbildung und das Erwerbsleben, gefolgt von Partnerschaft (vgl. ebd. 62). Bei letzterer zeichnen sich klare geschlechtsspezifische Unterschiede ab, denn Frauen sind mit 44,6 Prozent bedeutend häufiger Opfer psychischer Gewalt in einer Partnerschaft als Männer mit 28,2 Prozent (vgl. ebd. 62).


      Physische Gewalt

      Auch im Bereich der körperlichen Übergriffe differiert die Anzahl der Erfahrungen zwischen Frauen und Männern nicht wesentlich: 61,4 Prozent der Männer und 56,8 Prozent der Frauen haben mindestens einmal körperliche Gewalt erlebt (vgl. ebd. 90). Deutliche Unterschiede zeigen sich jedoch in den Orten, an denen diese erfahren wurde. Während Männer vor allem im öffentlichen Raum körperlichen Übergriffen ausgesetzt sind (33,0 Prozent) so ist es bei Frauen der soziale Nahraum: 29,1 Prozent berichten von körperlichen Gewalterfahrungen in der Partnerschaft und 25,2 Prozent in der Familie (vgl. ebd. 62).


      Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt

      Die sexuelle Belästigung sowie die sexuelle Gewalt sind jene Gewaltformen, innerhalb derer die Studie die größten geschlechtsspezifischen Unterschiede aufzeigt. Insgesamt berichten 3 von 4 Frauen (72,4 Prozent) im Gegensatz zu jedem vierten Mann (27,2 Prozent) über Erfahrungen mit sexueller Belästigung (vgl. ebd. 71).Am häufigsten erleben Frauen diese Gewaltform im öffentlichen Bereich (51,3 Prozent) (vgl. ebd. 62). Nahezu jede dritte Frau (29,5 Prozent) und nicht ganz jeder zehnte Mann (8,8 Prozent) muss sexuelle Gewalt erleben, wobei Frauen häufig in der Partnerschaft, an öffentlichen Orten und im Freundes- bzw. Bekanntenkreis Übergriffen ausgesetzt sind (vgl. ebd. 74 und 62).


      Orte der Gewalt

      Auch hinsichtlich der Örtlichkeiten, an denen körperliche bzw. sexuelle Gewalthandlungen stattfinden, zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen erleben den größten Teil von Gewaltübergriffen in der eigenen Wohnung bzw. in der Wohnung anderer, also im nahen sozialen Umfeld. So berichten drei von vier Frauen (73,9 Prozent) von körperlicher Gewalt und zwei Drittel (64,6 Prozent) von sexuellen Gewalterfahrungen in der eigenen Wohnung und/oder in der Wohnung von anderen.
      Jede zweite Frau (55,9 Prozent) erlebte körperliche Gewalt und jede dritte Frau (32,3 Prozent) sexuelle Gewalt in der eigenen Wohnung. Jede fünfte Frau (18,0 Prozent) berichtet von körperlicher Gewalt und jede dritte Frau (3,2 Prozent) von sexueller Gewalt in der Wohnung von anderen.Männer wiederum erleben derartige Übergriffe hauptsächlich an öffentlichen Orten wie auf der Straße, in Lokalen oder am Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz (vgl. ebd. 64).


      Alter und Viktimisierung

      Darüber hinaus wird aus der Studie ersichtlich, dass Frauen körperliche Gewalt häufig im Alter von 20 bis 40 Jahren erleben, was auf Gewalt in der Paarbeziehung hinweist (vgl. ebd. 77), sowie dass Frauen grundsätzlich eine stärkere Viktimisierung erleben (vgl. ebd. 121f.). So berichtet jede dritte Frau von mindestens einer sehr schweren psychischen Gewalterfahrung, und rund jede 10. Frau erlebt sehr schwere körperliche Gewalt. Zwei Drittel der Frauen ist Formen der (sehr) schweren sexuellen Belästigung ausgesetzt und jede fünfte Frau ist von sehr schwerer sexueller Gewalt betroffen. In der Studie wird auf einen engen Zusammenhang zwischen Gewalt in der Kindheit und Jugend und Gewalt im Erwachsenenleben hingewiesen, denn Gewalterfahrungen in der Kindheit erhöhen den Ergebnissen zufolge das Risiko, auch im Erwachsenenalter schwere Gewalt zu erfahren (vgl. ebd. 126f.). Weiters sind Frauen deutlich stärker von allen vier Formen der Gewalt betroffen als Männer: Jede vierte Frau (20,7 Prozent) macht Gewalterfahrungen mit allen vier Formen der Gewalt – gegenüber 5,5 Prozent der Männer – und weiters muss jede vierte Frau (25,6 Prozent) dreifache Gewalterfahrungen machen (vgl. ebd. 60f.).


      Ergebnisse zu den Gewalterfahrungen von 2007 bis 2010

      Neben der Prävalenz über das gesamte Leben als Erwachsener (der 16- bis 60jährigen) erhebt die Studie auch die Gewalterfahrungen zwischen 2007 und 2010 und erlaubt somit einen Einblick in das konkrete Gewalterleben in den letzten Jahren.

      Hier berichten Frauen vor allem in den sexualisierten Gewaltformen deutlich stärker von Gewalterfahrungen: Knapp jede zehnte Frau (8,5 Prozent) hat in den letzten drei Jahren sexuelle Gewalt erlebt – gegenüber 2,1 Prozent der Männer (vgl. ebd. 130f).

      Von körperlichen Gewalterfahrungen zwischen 2007 und 2010 berichten Frauen (15,4 Prozent) und Männer (15,1 Prozent) in einem gleich hohen Ausmaß, allerdings durch unterschiedliche Täter/innen. (vgl. ebd. 130)

      Die starke Einbindung der Gewalt in die Partnerschaft bei Frauen zeigt sich auch in den Angaben zu den Täterinnen und Täter, durch die Gewalt zwischen 2007 und 2010 ausgeübt wurde. Bei einer Rangreihung der Täterinnen und Täter der letzten Jahre (2007 bis 2010) zeigt sich beispielsweise bei der körperlichen Gewalt, dass am häufigsten körperliche Gewalt durch den Ex-Partner erlebt wurde, gefolgt vom derzeitigen Partner. Betrachtet man dies in Zahlen so zeigt sich, dass 7,4 Prozent Frauen (74 Frauen auf 1.000 Frauen) in den letzten Jahren (2007 bis 2010) körperliche Gewalt durch den derzeitigen Partner oder den Ex-Partner erfahren haben. Von allen Frauen, die zwischen 2007 und 2010 sexuelle Gewalt erfahren haben, hat knapp jede zweite Frau die sexuelle Gewalt durch den derzeitigen Partner bzw. Ex-Partner erfahren: 8,5 Prozent Frauen haben sexuelle Gewalt in den letzten Jahren (2007 bis 2010) erlebt und 3,5 Prozent Frauen (35 Frauen auf 1.000 Frauen) haben die sexuelle Gewalt in diesen drei Jahren durch den derzeitigen Partner bzw. den Ex-Partner erfahren (eigene Berechnungen des ÖIF für AÖF).


      Zur Studie

      Ziel der Studie ist es, einen Beitrag zur Versachlichung der Gewaltforschung sowie zur Objektivierung der öffentlichen Diskussion zu leisten, indem erfahrene und ausgeübte Übergriffe erforscht werden. Der Aufbau der Studie als geschlechtervergleichende Prävalenzstudie ermöglichte es, die unterschiedlichen Gewalterfahrungen von Frauen und Männern sowie die eigene Täterschaft zu erheben und abzubilden.

      Die Befragung gliedert sich in drei Segmente: in Gewalterfahrungen,

      a)      die in der Kindheit bis zum 16. Lebensjahr,

      b)      die seit dem 16. Lebensjahr und

      c)      die in den letzten drei Jahren (2007 bis 2010) erlebt wurden.

      Dadurch sollte ein möglichst umfassender Einblick in die Erfahrungswelten der befragten Frauen und Männer bezüglich der folgenden vier Gewaltformen gewonnen werden:

      1. Verletzungen der psychischen Integrität der Betroffenen durch psychische Übergriffe,
      2. körperliche Gewalt,
      3. sexuelle Belästigung und
      4. sexuelle Gewalt.

       

      Quelle:

      Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld . Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern (Wien 2011)
      Herausgeber: Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien
      AutorInnen: Olaf Kapella, Andreas Baierl, Christiane Rille-Pfeiffer, Christine Geserick, Eva-Maria Schmidt

      Studie als Download unter: Link zur Studie oder Website des OIF

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      Die Ergebnisse einer neuen US-Studie deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Gewalt in der Schule und Gewalt in der Partnerschaft gibt: Männer, die ihre Schulkameradinnen und -kameraden terrorisieren, haben ein erhöhtes Risiko, auch in einer Beziehung zum Gewalttäter zu werden.

      In den USA ist Erhebungen zufolge jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt durch den Partner betroffen. Verlässliche Forschungsergebnisse zu den Ursachen für gewalttätiges Verhalten gibt es kaum. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass Kinder, die Opfer von Gewalt werden oder in einer gewalttätigen Familie leben, auch als Erwachsene dazu neigen, Gewalt in Partnerschaften auszuüben.

      Eine neue Studie aus den USA zeigt nun, dass Männer, die ihre Partnerin körperlich oder psychisch misshandeln, sich häufig auch schon in der Schule gewalttätig verhielten („school bullying“).

      Rund 1.500 Männer zwischen 18 und 35 Jahren wurden im Rahmen der Studie zu ihrem Privatleben und ihrer Kindheit befragt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Gewalt in der Partnerschaft und Terror auf dem Schulhof gibt: Jene Männer, die schon in ihrer Kindheit Gewalt gegen Schulkameradinnen und -kameraden ausüben, haben ein nahezu vier Mal so hohes Risiko, auch in der Partnerschaft zum Gewalttäter zu werden.

      Laut den Autorinnen und Autoren der Studie seien dringend weitere Untersuchungen nötig, um die vermeintlich gemeinsamen Auslöser von Gewalt in der Schule und in der Partnerschaft zu klären und effektivere Präventionsarbeit leisten zu können.


      Quelle:

      Kathryn L. Falb, MHS; Heather L. McCauley, MS; Michele R. Decker, ScD, MPH; Jhumka Gupta, ScD, MPH; Anita Raj, PhD; Jay G. Silverman, PhD: School Bullying Perpetration and Other Childhood Risk Factors of Adult Intimate Partner Violence Perpetration;
      Arch Pediatr Adolesc Med. Published online 06/2011

       

      Im Rahmen des Eurobarometers (eine regelmäßig von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene öffentliche Meinungsumfrage) wurde eine im Zeitraum von Februar bis März 2010 in allen 27 EU-Mitgliedstaaten durchgeführte Umfrage zu häuslicher Gewalt gegen Frauen veröffentlicht.

      Die Studie ergab ein gesteigertes Bewusstsein über häusliche Gewalt gegen Frauen und den verstärkten Wunsch der Europäerinnen und Europäer nach konsequenterem Handeln um diese zu reduzieren.

      • Nur 2 Prozent der befragten EU-Bürgerinnen und Bürger haben noch nie von häuslicher Gewalt gegen Frauen gehört.
      • Gemäß der Befragung kennt je eine oder einer von fünf Europäerinnen und Europäern in ihrem oder seinem Bekannten- und Familienkreis eine Frau, die Opfer von häuslicher Gewalt wurde.
      • Eine oder einer von fünf der Befragten sagte, dass sie oder er jemanden kenne, die oder der häusliche Gewalt im Kreis der Familie und Freunde ausübt.
      • 87 Prozent der befragten Europäerinnen und Europäer sind der Meinung, dass die EU in den Kampf gegen häusliche Gewalt miteinbezogen sein sollte.

      Die Studie folgte einer frühere Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 1999, die in den damals 15 EU-Mitgliedstaaten durchgeführt wurde und ermöglicht deshalb eine vergleichende Analyse der Ergebnisse für diese Länder.


      Mehr Informationen finden Sie unter diesem Link: Eurobarometer

      Femizide und Mordversuche 2024

      Details siehe hier.

      Stand: 18.4.2024

      • 8

        Femizide

      • 20

        Mord- versuche / Schwere Gewalt

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